Recht auf Stadt – Aachen


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Redebeitrag zur Demo am Tag gegen Gewalt an Frauen  2019  – Link

Redebeitrag zur Demo am Tag gegen Gewalt an Frauen 2020  – Link

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Quelle: WOZ – Die Wochenzeitung (https://www.woz.ch/-b0ff)

Die feministische ist auch eine postkapitalistische Stadt

Raumplanung für alle statt für wenige – wie könnte das gehen? Die Geografin Leslie Kern zeigt in ihrem Buch «Feminist City», wie stark unsere gebaute Umwelt immer noch von patriarchalem Denken geprägt ist. Und was eine wirklich offene Stadt ausmachen würde.

Als ich fünfzehn war, fuhr ich im Winter einmal pro Woche am Abend mit meinen Schulfreundinnen ins Glattzentrum in Wallisellen. Kurz vor Ladenschluss kauften wir uns Chips und Eistee und setzten uns auf eine der vielen Bänke im Atrium. Um uns herum schlossen Angestellte die Läden, und das Reinigungspersonal fuhr mit seinen Putzwagen die leeren Passagenflächen ab. Der Sicherheitsmitarbeiter kannte uns mit der Zeit und duldete uns bis etwa neun oder halb zehn, bevor er uns heimschickte. Wir hatten im Glattzentrum einen sicheren, wettergeschützten Ort mit sauberen Toiletten gefunden, wo wir ohne elterliche Aufsicht und – vielleicht ironischerweise für ein Einkaufszentrum – ohne Konsumpflicht zusammen sein konnten. Etwas, was uns die Stadt nicht bieten konnte.

Was uns damals als eine ungemein individuelle Idee erschien, ein Schlupfloch im System, führt die kanadische Geografin Leslie Kern in ihrem Buch «Feminist City» als eines der Beispiele auf, wie junge Frauen im nordamerikanischen Kontext sich Raum aneignen. Wenig erstaunlich, schliesslich waren wir auch beeinflusst von US-Popkultur: In den Filmen und Serien der 1990er und frühen nuller Jahre spielte sich das Leben junger Frauen hauptsächlich in Schulen, Shoppingmalls und ihren Elternhäusern in Suburbia ab. Der städtische öffentliche Raum, so wurde uns bewusst und unbewusst signalisiert, ist kein Ort für junge Frauen.

Dabei ist es die Stadt, die den Frauen die Emanzipation erleichterte. Als die Männer in den beiden Weltkriegen in die Armee eingezogen wurden, waren es Städte, die den Frauen Arbeitsplätze, Bildungsstätten, öffentliche Verkehrsinfrastruktur und kurze Wege boten und ihnen ermöglichten, die Wirtschaft am Laufen zu halten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden traditionelle Geschlechterrollen vielerorts wiederhergestellt. Die US-Stadthistorikerin Dolores Hayden sieht in der rasanten Suburbanisierung, wie sie in der Nachkriegsära vor allem in den USA zu beobachten war, einen architektonischen Ausdruck dieser Bemühungen, die Frauen an «ihren» Platz zurückzuholen: ins Einfamilienhaus, an den Herd, in die Kinderbetreuung. Der Unterhalt eines grossen Hauses mit Garten und die langen Autofahrten zu jeglichen Dienstleistungen sorgten dafür, dass verheiratete Frauen voll und ganz mit unbezahlter Arbeit beschäftigt waren.

In Stein gemeisseltes Patriarchat

Architektur und besonders Städtebau ist eine träge Sache. Auch wenn die traditionelle heterosexuelle Kleinfamilie mit einem erwerbstätigen Ehemann und einer nicht erwerbstätigen oder maximal teilzeitarbeitenden Ehefrau in der westlichen Welt zunehmend die Ausnahme darstellt (in gewissen sozialen Schichten war sie gar nie die Regel): Als vermeintliches Ideal bestimmt sie weiterhin die Planung von privatem und öffentlichem Raum.

«Ein Patriarchat, das in Stein gemeisselt ist», schreibt Leslie Kern: Gebaute Umwelten spiegeln offensichtlich die Gesellschaften, die sie erbauen. Zwar stützt sich Kern in ihrem Buch oft auf die Verhältnisse in Nordamerika, aber viele ihrer Erkenntnisse lassen sich auf den hiesigen Kontext übertragen. Die moderne Stadtplanung wurde (und wird zu einem grossen Teil weiterhin) auch bei uns von gesunden, gut ausgebildeten, erwerbstätigen weissen Männern dominiert. Wenig erstaunlich also, dass Städte auf einen ebensolchen Nutzer ausgerichtet sind – auch wenn dieser nur einen Bruchteil der Bevölkerung stellt.

Als Beispiel nennt Kern öffentliche Verkehrsnetzwerke, die so ausgelegt sind, dass sie dem «typischen» Büroangestellten das Pendeln zur Rushhour erleichtern: lineare Fahrten, hohe Frequenzen zur Hauptverkehrszeit, jeweils in eine Richtung. Morgens hin, abends zurück. Nicht vorgesehen ist das Bewegungsmuster einer Person, die ein Kind vor der Arbeit in die Krippe bringt, über Mittag in der Apotheke Medikamente abholt, am frühen Nachmittag den pflegebedürftigen Vater besucht, dann zum Lehrergespräch des anderen Kindes fährt, anschliessend den Wocheneinkauf macht und das erste Kind in der Krippe abholt, bevor sie sich mit Kinderwagen und Einkäufen auf den Heimweg macht. Statt auf sternförmige Verbindungen vom Zentrum in die Peripherie wäre diese Person angewiesen auf ein feinmaschiges Netz mit Querverbindungen und regelmässigen Abfahrten.

Schnee diskriminiert nicht

Wie könnte eine alternative Planung aussehen? «Gender Mainstreaming» heisst das Zauberwort, die «Verwirklichung der Gleichstellung von Mann und Frau unter Berücksichtigung der geschlechtsspezifischen Lebensbedingungen und Interessen». Konkret: weg von einem einzelnen, idealtypisch genormten Nutzer hin zu möglichst diversen NutzerInnen.

Ein Beispiel dafür ist Stockholms «geschlechtergerechter Winterdienst». Wo in anderen Städten die Schneeräumung von Hauptverkehrsachsen priorisiert wird, damit Pendler mit ihrem Auto möglichst hindernisfrei aus den Agglomerationen in die Städte und zur Arbeit gelangen können, schlug Stockholm einen anderen Weg ein. Weil Frauen, Kinder und SeniorInnen eher zu Fuss gehen, Velo fahren oder öffentliche Verkehrsmittel nutzen, werden seit 2016 zuerst Trottoirs, Velowege, Busspuren und Strassen rund um Schulen und Kindergärten geräumt. Als der Verkehr im November 2016 von einem Schneesturm lahmgelegt wurde, liess die Häme in den Medien nicht lange auf sich warten. Von «Genderwahn» und «Frauenvorrang» war die Rede. Dabei wurde unterschlagen, dass es sich um einen Jahrhundertschneesturm gehandelt hatte und der Verkehr vermutlich auch sonst kollabiert wäre.

In ihrem Buch nimmt Leslie Kern immer wieder ihre eigenen Erfahrungen als Frau und Mutter zum Ausgangspunkt für Reflexionen über die Rolle der Frau in der Stadt. Als junge Mutter mit Kinderwagen stellte sie fest, wie viele Hürden in Form von Schwellen, Stufen und Treppen sie im öffentlichen Raum überwinden musste, wie häufig sie dafür auf die Hilfe von anderen angewiesen war – und wie sehr sie störte, weil sie zu viel Platz einnahm. Zudem spielten Toiletten auf einmal eine wichtige Rolle, als Rückzugsort zum Stillen und Wickeln. Dabei schätzte sie besonders die Infrastruktur von innerstädtischen Kaufhäusern mit ihren sauberen Toiletten mit geräumigen Kabinen. Zu lange, so schreibt Leslie Kern, hätten Städte ihre Verantwortung für saubere und sichere Toiletten an private und halbprivate Einrichtungen abgegeben.

«Stranger Danger»

Öffentliche Toiletten sind häufig auch Orte der Angst, wo Frauen sich besonders exponiert fühlen. Die diffuse Angst vor dem unbekannten Mann, der im Dunkeln lauert, wird Frauen von Kindheit an vermittelt. Kern zählt eine Reihe von Präventionsstrategien auf, die Frauen treffen, um sich vor dieser «Stranger Danger» zu schützen: Um Strassen und Quartiere zu vermeiden, die als unsicher gelten, nehmen sie Umwege in Kauf oder greifen auf teure Taxis und Uber zurück. Sie bewerben sich nicht auf Stellen in Stadtteilen, die ihnen nicht geheuer sind. Sie organisieren sich mit anderen Frauen, um nachts nicht allein unterwegs zu sein. «Schreib mir, wenn du sicher zu Hause angekommen bist» – das ist ein Satz, in dem sich die meisten Frauen wiedererkennen. Die traurige Ironie dabei: Wie verschiedene Studien gezeigt haben, ist die Wahrscheinlichkeit viel höher, dass Frauen Gewalt durch ihnen bekannte Personen in privaten Wohnräumen oder bei der Arbeit erleben. Männer hingegen werden öfter Opfer von Gewalt durch Unbekannte im öffentlichen Raum.

Dennoch: Wenn Frauen unbehelligt durch den öffentlichen Raum gehen können, ist das ein Indiz für eine gute Stadt. Und es gibt durchaus planerische Massnahmen, die das subjektive Sicherheitsempfinden von Frauen steigern können: übersichtlich gestaltete und gut beleuchtete öffentliche Räume etwa oder markierte Frauenparkplätze in Tiefgaragen, in unmittelbarer Nähe des Ausgangs. Als schlechtes Beispiel berichtet Leslie Kern von Immobilienfirmen in Toronto, die ihre Eigentumswohnungen mit 24-Stunden-Pförtner, Alarmanlagen und Überwachungskameras gezielt an junge Frauen vermarkten und damit Sicherheit zu einem privaten, käuflichen Gut erklären.

Dass Frauen im Globalen Norden sich allein und frei durch die Stadt bewegen können, ist ein verhältnismässig neues Phänomen. Im viktorianischen England etwa galt es für Frauen höheren Rangs als unsittlich, unbegleitet im öffentlichen Raum unterwegs zu sein – weil sie mit einem «Strassenmädchen» verwechselt werden könnten. Kern beschreibt, dass es die wachsende Sehnsucht der Frauen nach Unabhängigkeit war, die im Paris der 1870er die Ära der Kaufhäuser einläutete: entworfen als angemessener öffentlicher Raum für Frauen, wo weibliche Identitäten der Mittelklasse bestärkt und beschützt werden.

Die gentrifizierende Frau

In der industriellen Ordnung des späten 19. Jahrhunderts war die Sphäre der Produktion (die Stadt als Welt der Männer) getrennt von jener des Konsums (das Kaufhaus als Welt der Frauen). Mit der Entwicklung der Städte von Industriestandorten hin zu Dienstleistungszentren verschwand auch die Trennung zwischen «männlichen» und «weiblichen» Sphären. Zeitgleich setzte ein, was Leslie Kern eine «Feminisierung» des städtischen Raumes nennt: Mit der Arbeiterklasse assoziierte Orte wie Sportbars, Pubs, Pornokinos und Pfandleihhäuser wurden verdrängt von Bioläden, Yogastudios und Kosmetiksalons. Cafés und Fastfoodketten entdeckten urbane Frauen als Zielgruppen für sich und passten ihre Ästhetik ihnen an. Starbucks etwa begann in den siebziger Jahren als Kaffeebar mit einfachen Sitzgelegenheiten. 1996 überholte man das Einrichtungskonzept komplett: Gemütliche Sessel, kleine Beistelltische, dekorative Bücherregale und Kamine machten die Cafés für Frauen attraktiv und banden sie als Kundinnen an die Kette.

Wenn Stadtteile aufgeräumt, aufgewertet, «frauenfreundlicher» gemacht werden, nennt man das bekanntlich «Gentrifizierung». Selbstkritisch beleuchtet Kern ihre eigene Rolle in der Verdrängung anderer Bevölkerungsgruppen. Als eindrückliches Beispiel nennt sie ein Café in Toronto, das im Zuge einer städtischen Aufwertung neben einem Frauenhaus eröffnet wurde. Die Gäste des Cafés fühlten sich belästigt durch die Klientinnen des Frauenhauses, die teilweise unter psychischen Erkrankungen litten. Die Folge: Vor dem Café wurde eine Sitzbank entfernt, auf der die Klientinnen tagsüber gerne sassen, schwatzten und rauchten.

Für Leslie Kern ist klar: Die positive Veränderung für (weisse) Frauen darf nicht zur Diskriminierung von anderen Bevölkerungsgruppen führen – simple Lösungen, wie das zu erzielen wäre, findet sie aber auch nicht. Ohnehin wird der Titel «Feminist City» dem Inhalt des klugen Buchs nicht gerecht. Denn allein mit Geschlechterkampf ist es für Kern in ihrem intersektionalen Feminismusverständnis nicht getan: Ihr Plädoyer für eine feministische Stadt ist eines für eine inklusive Stadt. Schwellenlose Zugänge zu öffentlichen Bauten, Plätzen und Verkehrsmitteln kommen nicht nur Müttern mit Kinderwagen zugute, sondern auch Vätern mit Kinderwagen, allen Menschen mit Gehbehinderung. Eine Anpassung des ÖV-Fahrplans mit ausgebauten Verbindungen abseits der klassischen Rushhour und einem feinmaschigeren, dezentralisierten Verbindungsnetz ermöglicht Teilzeitarbeitenden, Schichtarbeitenden, Jugendlichen und Seniorinnen eine grössere Mobilität.

Kerns feministische Stadt ist gleichermassen eine postkapitalistische Stadt, eine Stadt, die Infrastruktur bietet, die unbezahlte Care-Arbeit erleichtert und die auch dann weiterhin als Lebensraum funktioniert, wenn die Kaufhäuser schliessen. Ihr zugrunde liegt ein weites Verständnis von Stadt als dynamisches Abbild der Gesellschaft. Städte allein können keine strukturellen gesellschaftlichen Probleme lösen, aber sie können ihren Beitrag zur Gleichstellung leisten. Damit die Stadt in Zukunft auch ein Ort für fünfzehnjährige Schülerinnen sein kann, müssen schon bei der Planung Menschen mit möglichst diversen Hintergründen und verschiedenen Lebensentwürfen zusammenkommen.

Quelle: WOZ – Die Wochenzeitung (https://www.woz.ch/-b0ff)

Henri Lefebvres „Recht auf Stadt“ feministisch denken

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Artikel aus der Sub:Urban. LInk zum Artikel: HIER

Eine stadttheoretische Querverbindung von 1968 bis heute

1968 veröffentlichte Henri Lefebvre seinen Text zum ‚Recht auf Stadt‘ (Le droit à la ville), ein buchlanger Meilenstein in seiner länger andauernden Aus ein andersetzung mit der Beziehung von Stadt und Gesellschaft. In den 1960er Jahren wurden auch weitere, heute noch oft zitierte Texte geschrie-ben, die sich als kritische Stadtforschung der 1960er Jahre zusammen fas sen ließen: Edgar Salins „Urbanität ist tot“ (1960), Jane Jacobs Tod und Leben großer amerikanischer Städte (1963) [1961] oder Alexander Mitscherlichs DieUnwirtlichkeit der Städte (1965) beklagten wie Lefebvre die auf Funktio­na li tät und Funktionstrennung ausgerichtete Stadtplanung, die Verödung der Innenstädte, den Verlust der urbanen Vielfalt. 1968 spitzte sich also auch im Nachdenken über Städte etwas zu, was sich in den gesamten 1960er Jahren schon entwickelt hatte. Henri Lefebvre war allerdings einer der wenigen, die sich auch weiter-hin über Jahre mit dieser Thematik auseinandersetzten. Er verstand das Urbane als entscheidendes Moment der Gesellschaft als Ganzer und ver-band seine Stadttheorie sukzessive mit seinem Werk zu Alltag, Kapitalismus und Raum. Auch hat er auch schon 1968 zum Recht auf Stadt das Recht auf Aneignung, auf Partizipation, auf Differenz hinzugezählt. Wegen dieser Querverbindungen ist Lefebvres Arbeit besonders spannend für aktuelle städtische Bewegungen und gegenwärtige Stadttheoriebildung. Doch lassen sich seine Gedanken nicht so einfach auf heute übertragen. Zu viele gesell-schaftliche Veränderungen und zu viele methodologische Neuerungen hat es seither gegeben.Besonders fruchtbar wäre es im Moment, die feministischen Konzepte von Alltag und Differenz sowie feministische Methodologien enger in Bezug zu Lefebvres Stadt­, Alltags­ und Differenztheorie zu stellen. Dafür werde ich seine Ansätze zunächst in die kritische Stadtforschung der 1960er einbetten, dann den Text Recht auf Stadt detaillierter einführen und auf bereits vor-genommene Aktualisierungen eingehen und schließlich eine feministische Perspektive auf Lefebvres Arbeit entfalten.

Die 1960er Jahre waren eine turbulente Zeit. Arbeitende, Studierende, Frauen und anderweitig zusammenfassbare Gruppen begehrten gegen patriarchale, kapitalistische Machtbeziehungen sowie gegen autoritäre Verhältnisse in allen gesellschaftlichen Bereichen auf. In den Protesten und kreativen Aktionen der 1968er brach sich die angestaute Wut schließ-lich Bahn. Das hat auch die Stadtforschung nicht unberührt gelassen. Im Gegenteil: auch in Städtebau und Stadtplanung der Nachkriegszeit wurde eine Ursache für die Organisation und Stabilisierung von Autorität und Hierarchien gesehen. Die Produktion von Stadt wurde damit als Teil des gesellschaftlichen Umbruchs diskutiert.Früh war in dieser Debatte der Wirtschaftswissenschaftler Edgar Salin engagiert (der übrigens einer der Gründer der Prognos AG war, die mit ihrer Beratungstätigkeit bis heute Stadtpolitik beeinflusst). Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen in den neuen Städten Israels (vgl. Wilhelm/Gust 2013) mahnte, man könnte sogar sagen: empörte Salin in einer Rede vor dem deutschen Städtetag 1960 die damalige Stadtpolitik und ­planung. Vor allem kritisierte er die städtische Funktionstrennung und die daraus resultierende Monotonie (Salin 1960, siehe dazu Binder 2006, Haubold 1997). Nachdem das schlicht baulich interpretiert und in Funktionsmischung übersetzt wor den war, spitzte er seine Beobachtungen zehn Jahre später mit dem provokanten Satz „Urbanität ist tot“ zu (Salin 1970). Stattdessen forderte er, Urbanität nicht nur planerisch, sondern auch geistes­ und sozialwissen-schaftlich zu denken. Der „der runde, freie, der lebendige Mensch“ war für Salin (1960: 34) das langfristige Ziel einer interdisziplinär und humanistisch gedachten Urbanität.Die Verknüpfung von Kritik an der zeitgenössischen Stadt mit utopisch an-klingenden Gegenentwürfen war typisch für die stadttheoretischen Debatten der 1960er Jahre. Die Gleichzeitigkeit von Empörung und Enthusiasmus prägte auch die Schriften von Jane Jacobs, Alexander Mitscherlich und nicht zuletzt Henri Lefebvre. Sie alle sahen die inzwischen versteckten, aber wiederzuentdeckenden Möglichkeiten in der Stadt, Entfremdung und Unter­drückung zu überwinden. Die Journalistin und Aktivistin Jane Jacobs (1963) wird insbesondere für ihre Idee erinnert, dass das lebendige Treiben auf städ-tischen Bürgersteigen eine kollektiv garantierte Sicherheit sowie Vertrauen und Beteiligung erzeuge, dieses lebendige Treiben allerdings von Politik und Planung systematisch zerstört werde (mehr dazu vgl. Schubert 2014). Laut Jacobs vereinigen spezialisierte Komponenten des Urbanen „ihre Wirkung auf dem Bürgersteig, der nicht im Geringsten spezialisiert ist. Und das ist seine Stärke.“ (1963: 46) Der Sozialpsychologe Alexander Mitscherlich sah ebenfalls in der Entmischung urbaner Komponenten das Problem, dass sich die Menschen der Stadt nicht mehr zugehörig fühlen, sondern diese nur noch gleichmütig ertragen. Sein explizit als „Pamphlet“ (Mitscherlich 1965: 7) bezeichneter Standpunkt bezichtigte über Politik und Planung hinaus auch die verrechtlichten Eigentumsverhältnisse als Ursache für mangelnde Ver­än de rungs möglichkeiten. Als Alternative griff er die Idee der Erbpacht – also die Trennung von Grundbesitz und Bebauung – auf, die auch heute wieder in den Recht­auf­Stadt­Initiativen an Bedeutung gewonnen hat.

Recht auf Stadt? Seit 2009 haben sich in vielen deutschen Städten – nach internationalem Vorbild, aber natürlich mit lokal ganz unterschiedlichen Ausprägungen – viele stadtpolitische Netzwerke unter dem Titel „Recht auf Stadt“ gebildet. Auch wenn dies zum Großteil ohne expliziten Bezug zu Lefebvres Text zum Recht auf Stadt entstanden ist, haben viele Initiativen im Laufe der Zeit Inspiration bei Lefebvre gesucht und sich mit seinem Werk identifiziert. Über die Initiativen und deren Bezug zu Lefebvre ist in den letzten Jahren schon viel geschrieben worden (Gebhardt/Holm 2011, Sugranyes/Mathivet 2010, Vogelpohl 2015, Vrenegor 2014). Über die ak-tuelle politische Vernetzung wiederum gibt die Seite wiki.rechtaufstadt.net einen hervorragenden Überblick. Im Mittelpunkt dieses Beitrages soll deswegen Lefebvres theoretisches Nachdenken über Stadt seit 1968 stehen. Wie die kurzen Ausführungen zu Salin, Jacobs und Mitscherlich zeigen, war Lefebvre nicht der erste und einzige, der mehr Raum für Unterschiedlichkeit, mehr Begegnungen, mehr gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen und mehr Interdisziplinarität im Denken über Stadt gefordert hat. Wie genau seine Kritik und seine Forderungen im Jahr 1968 lauteten und wie sie bislang weiterentwickelt wurden, diskutiere ich im folgenden Abschnitt.Das Recht auf Stadt – damals und heuteDas Buch Recht auf Stadt, in dem auch ein Kapitel mit demselben Titel vor kommt, ist im französischen Original 1968 erschienen. Seit 2016 erst liegt es auch in deutscher Übersetzung vor (Lefebvre 2016). Das Interesse an einer Übersetzung ist eng im Zusammenhang mit den Recht­auf­Stadt­Bewegungen der letzten Jahre zu sehen. Der Hamburger Recht­auf­Stadt­Aktivist Christoph Schäfer beschreibt dies im Vorwort der Übersetzung. Lefebvres Vorstellung eines ‚Rechts auf Stadt‘ kann allerdings nicht auf das Kapitel mit diesem Titel in dem Buch verkürzt werden, weil dann aus-geblendet würde, wie Lefebvre das Stadtthema weiterentwickelt hat. Seine Aus führungen zur Stadt gleichen einer dauernden Suchbewegung, mit der er Ende der 1960er nur begann. Unter anderem betont er, dass mit der Forderung nach einem Recht auf Stadt nicht ein Anspruch auf Teilhabe an der aktuellen Stadt gemeint sein kann, sondern eher das „Recht auf das städtische Leben“ (Lefebvre 2016: 166), welches erst in der Aneignung und damit Veränderung der jetzigen Stadt entsteht. Sehr viele Varianten und Ergänzungen koppelt Lefebvre deswegen an das Recht auf Stadt: das Recht auf Beteiligung, auf Bewohnen, auf Aneignungen von Raum und Politik, auf Freiheit, auf Individualisierung in Bezug auf die Sozialisation etc. – und ganz zentral das ‚Recht auf Differenz‘ (Lefebvre 2008: 109). Ich lese Lefebvres Werk so, dass Differenz genauso im Zentrum seiner Gesellschaftstheorie steht wie Stadt und Raum. Differenz steht vielleicht sogar am Beginn (als Bedürfnis) und am Schluss (als das Mögliche – Lefebvres Auff assung einer Utopie). Die Stadt ist der Ort, der Differenz möglich macht; die urbanisierte Gesellschaft als Zukunftsvorstellung ist die Gesellschaft, in der überall Differenz gelebt wird; und die Produktion des Raumes ist das grund sätzliche Vehikel von Veränderung (dazu einführend: Elden 2004, Ronne berger/Vogelpohl 2014, Schmid 2005). Die Forderung nach einem ‚Recht auf Stadt‘ – verstanden also als ein Recht auf eine Gesellschaft, in der Unter schied lichkeit und Teilhabe ermöglicht und gelebt werden – hat Lefebvre min des tens über die Begriffe Differenz und Raum weiterentwickelt. Über diese Be griffe möchte ich die Querverbindungen von 1968 bis heute ziehen.Der Idee von Differenz widmet sich Lefebvre nach 1968 ausführlicher in Le Manifeste différentialiste (Lefebvre 1970) sowie im dritten Band zur Kritik des Alltagslebens, der in den frühen 1980er Jahren erschienen ist (Lefebvre 2008 [1981]). Differenz ist sozial konzeptualisierte Un ter schied­lich keit. Das heißt sie ist nur wahrnehmbar und auslebbar in Kollektiven, im Wissen um Andersartigkeit. Eine differentielle Gesellschaft braucht diese Relation zum Anderen: „As for differences, they are defined only socially – that is to say, in specifically social relations. Unlike particularity, difference is not isolated.“ (Lefebvre 2008: 111) Lefebvre knüpft diese Konzeption von Differenz explizit an eine Kritik an Rassismus und Sexismus, die beide nicht relationale Differenzen, sondern essentielle Besonderheiten betonen. Das Recht auf Stadt als Recht auf Differenz weiterzudenken, erkennt den Alltag als Ort an, an dem dieses Recht praktisch gelebt werden kann. Wird Differenz im Alltag lebbar, dann ist für Lefebvre eine gesellschaftli-che Revolution vollzogen. Rechte denkt Lefebvre also nicht als Liste von Prinzipien, sondern als praktische Maximen, die im Alltag gelebt werden (zur Vertiefung des Rechtsbegriffs siehe Attoh 2011, Pierce et al. 2016). Rechte müssen allerdings immer wieder erobert und in politischen Aus ein ander­setzungen erkämpft werden (Lefebvre 2008).Heute wird Lefebvre in der feministischen Stadtforschung interessan-terweise gerade für eine Ignoranz gegenüber Differenz kritisiert (Bucking­ham 2010, Fenster 2006). Während diese Kritik mit Blick auf Lefebvres wie der holte Ausführungen zu Differenz konzeptionell etwas zu kurz greift, verweist sie doch auf empirische Defizite: Wie unterschiedliche geschlecht-liche, ethnische oder altersbezogene Voraussetzungen den Alltag prägen und was dies für die Möglichkeit, Rechte zu erkämpfen, bedeutet (Fenster 2006), hat Lefebvre kaum vertieft. Zwar hat er die Zweite Frauenbewegung keines-wegs ignoriert. Er bemängelte jedoch bereits damals das gleichheitsfemi-nistische Denken, mit dem ‚Frauen‘ als Kategorie essentialisiert würden und Forderungen zu sehr auf eine Anpassung an maskuline Normen zielten (Lefebvre 2008: 110). Essentialisierungen werden manchmal leider weiterhin vorgenommen, wenn Lefebvres Werk auf heute übertragen wird. Das gilt, wenn Bedürfnisse von Frauen vereinheitlicht werden (wie bei Buckingham 2010, Fenster 2006) und ist noch problematischer bei regelrecht universalisierenden, entpoli­ti sier ten Vorstellungen eines ‚planetary urbanism‘[1]. Um derartige Ver ein fach ungen zu vermeiden, ist die Idee von „difference in equality“ (Lefebvre 2008: 110) – von Unterschiedlichkeit bei gleichen Rechten und Mög lich keiten – spannend und weiterführend. Wie ich weiter unten aus-führe, lädt Lefebvres Werk gerade deshalb heute dazu ein, es intersektional aufzufächern.Die vielschichtigen Antworten auf die Frage, wie sich ein Differenz ermög-lichender Alltag in sich urbanisierenden Räumen forcieren lässt, verdichtete Lefebvre (1991) in The Production of Space (1991), einem in der Raum­ und Stadtforschung viel gelesenen Buch. Dieses hilft heute noch dabei, räumliche Komplexität und die Möglichkeit von Veränderung zu denken. Veränderung ist hier ein wichtiges Stichwort. Denn Lefebvre versteht Raum als Prozess, der zwar auch hierarchisch, patriarchal und kapitalistisch organisiert werden kann, aber prinzipiell veränderbar ist – und im Sinn des Rechts auf Stadt und auf Differenz verändert werden sollte. Gesellschaftliche Veränderung voll-zieht sich dabei über Verschiebungen in dem widersprüchlichen Verhältnis von – vereinfacht gesagt – Raumkonzepten, tatsächlichen räumlichen Prak­tiken und gelebt­gedachten Räumen. Inhaltlich füllt Lefebvre diesen Prozess in Richtung des „differentiellen Raums“ (Lefebvre 1991: 352ff.), über den sich seine Vorstellung einer anderen Gesellschaft formiert.Die politische Forderung eines Rechts auf Stadt konkretisiert sich also in einer politischen Vorstellung von Raum. Raum ist politisch. Diese Annahme wurde inzwischen vielfach weitergedacht, sowohl in sozialen Bewegungen als auch in der Wissenschaft. Oft geht es dabei um die Frage, wie die dazuge-hörige politische Praxis umgesetzt werden kann. Mark Purcell hebt hier die Konzeption aller Betroffenen als „inhabitants“ hervor, die unabhängig ihres formal­rechtlichen Status an politischen Prozessen beteiligt sein können (Purcell 2002). Die damit einhergehende Forderung einer tiefgreifenden Demokratisierung des Städtischen nimmt auch David Harvey auf, wenn er das Recht auf Stadt als „a right to change ourselves by changing the city“ (Harvey 2008: 23) übersetzt. Die Frage: „Where is our 68“? (ebd.: 37) beant-wortet er mit einer Forderung nach mehr Vernetzung der Recht­auf­Stadt­Bewegungen sowie der Demokratisierung der gesellschaftlichen Mehr wert­pro duktion. Und um die bei Lefebvre manchmal verschwommene politische Praxis theoretisch auszubauen, knüpft Daniel Mullis (2014) an das Konzept der radikalen Demokratie nach Chantal Mouffe und Ernesto Laclau an. Nicht zuletzt weckt das von Mullis vorgenommene Zusammendenken von ‚Raum ist politisch‘ und ‚Politik ist räumlich‘ starke Assoziationen mit dem kritischen Aus ruf: ‚Das Private ist politisch‘ feministischer Politik und Wissenschaft – eine Verbindung, die im Folgenden ausgeführt wird.Henri Lefebvre feministisch weiterdenkenZwischen Lefebvres theoretischen Entwürfen und zentralen feministischen Konzepten gibt es sehr viele Überschneidungspunkte. Diese wurzeln in bei-den Fällen im engen Bezug zur politischen (Alltags­)Praxis:• Differenz. Unterschiedlichkeit zu thematisieren und zu erstreiten und dabei auf gleiche und gerechte Zugangsmöglichkeiten für alle in ihrer Unterschiedlichkeit zu pochen, ist signifikant in beiden Feldern. • Alltag. Die Reflexion allgemeiner gesellschaftlicher Strukturen in täg­lichen Gewohnheiten und subjektiven Erlebnissen zu beginnen, prägt bei-de Pers pek tiven ebenso wie die Vorstellung, gesellschaft liche Änderungen oder sogar Revolutionen im und über den Alltag vor an zutreiben.• Verwerfen von starrem Denken. Lefebvre forderte einerseits mehr Inter­dis ziplinarität in der Stadtforschung, und andererseits verfolgt er mit sei-nem auf alles angewandten dialektischen Denken die Absicht, Starrheit in Bewegung aufzulösen. Im Zentrum der feministischen politischen Praxis standen von 1968 bis heute ebenfalls das Aufbrechen von und Ausbrechen aus patriarchalen, autoritären und ausschließlich rationalen Strukturen. Ebenso ist in der feministischen Wissenschaft die Überwindung eines tarren Denkens, das gegebene Machtverhältnisse absichert, zentral. Praktisch wird dies vor allem durch die Kritik an Dicho tomien (wie Mann/Frau, Kultur/Natur, rational/emotional) vor an getrieben.• Kollektivität. Die Notwendigkeit, gemeinsam zu agieren, ist eine Kon­se quenz aus dem Bestreben, Differenz zu ermöglichen. Während bei Lefebvre vor allem in seiner Vorstellung von politischem Protest sichtbar wird, dass sich Personen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Kri­tiken für tiefgreifende Veränderungen zusammenschließen sollten, ist Kollektivität im Feminismus zusätzlich auch in der alltäglichen Praxis zentral. Das heißt, dass nicht nur politischen Bündnissen, sondern auch alltäglichem Erfahrungsaustausch, Unterstützung im Kleinen und Solidarität hohe Wichtigkeit zugesprochen wird.Die Verknüpfung dieser Themen mit praktischen politischen Aus ein ander­se tzungen prägt ebenfalls sowohl Lefebvres als auch feministische Selbst­verständnisse. Es fällt allerdings auf, dass Lefebvre die oben genannten Konzepte vor allem theoretisch­philosophisch reflektiert, während sie in feministischen Ansätzen auch (forschungs­)praktisch und politisch leitend sind. Denn nicht zuletzt geht die intensive Reflexion des Forschungspro zes ses in der feministischen Wissenschaft auf die politischen Frauenbewegungen zurück, die die Herrschaft von einseitigen (patriarchalen) sozialen Strukturen und exklusiver (maskuliner), somit unvollständiger, Rationalität anpran-gerten. Insbesondere in der methodologischen Reflexion sind feministische Forschungen deswegen heute sehr viel ausgereifter als Lefebvres Vorgehen in den 1960er Jahren und danach. Hier lässt sich viel lernen, um gegenwärtig mit seinem Werk arbeiten zu können.Erstens sehe ich dieses Potenzial in der reflexiven Thematisierung der eigenen Positionalität, das heißt der individuellen Voraussetzungen des eigenen Blickes und deren Folgen für Aussagen über soziale Verhältnisse (vgl. Carstensen­Egwuom 2014, England 1994). Eine solche Selbstreflexion kommt bei Lefebvre gar nicht vor, hilft aber die Reichweite der eigenen Aussagen einzuschätzen. Deswegen trägt die Reflexion der Positionalität zu einem differentiellen Denken bei, das sich der Möglichkeit ganz anderer Perspektiven bewusst ist. Zweitens hat die vielfältige Forschung zu Intersektionalität einen Zugang zum Verständnis diverser sozialer Differenz und Ungleichheiten geschaffen (vgl. Carstensen­Egwuom 2014, Winker/Degele 2009). Intersektionalität, also der Fokus auf die Verschränkung von unterschiedlich gelagerten Diffe­renz kate gorien, bleibt bei Lefebvre sehr implizit. Wenn aber – wie bei Lefebvre und im Feminismus – der Anspruch besteht, Gesellschaft nicht nur zu verstehen, sondern auch zu verändern, dann ist das Begreifen aktueller Probleme in ihrer komplexen Vielschichtigkeit eine zentrale Voraussetzung. Dies macht ein intersektionales Denken möglich. Und drittens gibt es in der feministischen Forschung eine lange Tradition und viele praktische Ansätze für das Zusammenführen verschiedenerWis­sens formen (Peake 2016, Schuster 2016). Bewohner_innen, Betroffenen, Akti vist_in nen und Nicht­Organisierten Einfluss auf den gesamten For­schungsprozess zu geben, wird dem Anspruch gerecht, sie als Personen mit relevantem Wissen und als politische Subjekte zu erkennen.

Es gibt bereits Arbeiten der feministischen Stadtforschung, die direkte Bezüge zu Lefebvre herstellen. Deren zentraler Beitrag ist es, Stadt nicht in erster Linie als umkämpften öffentlichen Raum zu denken, sondern als Ort des Alltages, in dem das Zuhause, die Straße, Produktionsstätten, Dis kurse von Schönheit und Körper, Verstecke, Erinnerungen, öffentliche Orte, Orte der Reproduktion und vieles mehr verschränkt sind (Beebeejaun 2017, Buck­ley/Strauss 2016, Butcher/Maclean 2018). Michelle Buckley und Kendra Strauss (2016) behaupten beispielsweise, dass nur in der Betrachtung unter­schied licher, nicht nur hetero­maskulin konzipierter Orte (die Lefebvre ‚Residuen‘ nennt) die Keimzellen für die urbane Revolution sichtbar wer­den. Yasminah Beebeejaun (2017) vertieft wiederum die Idee, über All­tags praktiken die vergeschlechtlichte Stadt begreifen zu können. Und die femi nis tisch­aktivistische Gruppe Raum und Gender – LaRAGE (2011) kriti siert das politische Recht­auf­Stadt­Netzwerk in Hamburg für die impli­ziten und teilweise expliziten patriarchalen Muster. Dagegen entwirft die Gruppe eine feministische Alternative, in der wirklich heterogene und auch unter drückte Stimmen den Ton angeben können. In einer lefebvresch­fe-ministischen Stadtforschung, so möchte ich zusammenfassen, steht der ver-räumlichte Alltag im Zentrum. Denn der Fokus auf Alltag vermag komplexe Zusammenhänge von Intersektionalität, Positionalität und Kollektivität zu konkretisieren und zu politisieren.Fazit Das feministische Weiterdenken von Lefebvres Werk zeigt sowohl dessen Potenziale für Analyse und Kritik, die sicher auch von den 1968er­Protesten genährt wurden, als auch die Limitierungen seines Werkes. In allererster Linie regt die feministische Perspektive dazu an, nicht neue, abgeschlos-sene Antworten zu produzieren, sondern mit vielen Fragen an die Stadt heranzugehen und dabei nicht hinter die in Lefebvres Werk angelegte ana-lytische Breite und politische Radikalität zurück zu fallen: Was möchte ich in meiner Forschung erreichen und welche Selbstverständnisse liegen dem zu Grunde (Positionalität)? In welchen privaten, wissenschaftlichen und politischen Zusammenhängen kann ich mich über meine Forschung aus-tauschen (Reflexivität)? Wie kann ich Ungleichheiten und unterschiedliche Perspektiven erkennen und gegebenenfalls für sich selbst sprechen lassen (intersektionale/differentielle Analyse)? Wie werden diese Unterschiede im Alltag reproduziert und welche Effekte haben sie (Kritik)? Welche Ideen für einen anderen Alltag und eine andere Politik schimmern implizit oder explizit durch das Material meiner Analyse hindurch (Alternativen)?

Feministische Stadtplanung – Ampelfrauen sind erst der Anfang

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Der Artikel erschien im Stern. Link zum Artikel: Hier

Mumbai hat Hunderte Ampelmännchen gegen weibliche Silhouetten getauscht, um die Sichtbarkeit von Frauen zu erhöhen. Ein kleiner Schritt hin zur Frage: Wie könnte eine feministische Stadt aussehen?

Indiens Ampelmännchen haben eine Geschlechtsumwandlung hinter sich. Viele der Silhouetten, die Menschen in Mumbai an Ampeln über die Straße winken, tragen nun plötzlich Röcke. Die Metropole ist die erste indische Stadt, die an 240 Ampelsystemen die männlichen durch weibliche Figuren ersetzt hat.

Es ist ein kleiner Schritt, der die Gleichstellung der Geschlechter vorantreiben soll, eine Geste, dass die Stadt allen gehört, auch Mädchen und Frauen – die sich im urbanen Dschungel oft wie Objekte, wie Freiwild fühlen.

Auch Elsa Marie D’Silva ist mit den Blicken, den grapschenden Händen, der Unsicherheit aufgewachsen, die für Frauen zum Alltag gehören: „Als junges Mädchen oder Frau wirst du angestarrt, in vollen Räumen oder Bussen hast du Angst, dass Männer dich anfassen, und während du die Straße entlangläufst, geben sie die ganze Zeit Kommentare über dich ab“, sagt die Gründerin der Red Dot Foundation, die sexuelle Gewalt bekämpft.

Die Ampelfrau-Kampagne in Mumbai hält die 46-Jährige für ein gutes Zeichen: „Es ist eine wichtige Entwicklung, weil wir nicht genug über Frauen reden. Wir sehen nicht genug Symbole von Frauen, die ihnen Mut machen.“

Frauen spielen in Indiens Städten nur eine Nebenrolle, wenige Straßen, Gebäude und Sehenswürdigkeiten sind etwa nach prominenten Frauen benannt. D’Silva glaubt, dass Ampelfiguren, die die Stadtbewohner gleichermaßen repräsentieren, die Sensibilität für alle Geschlechter schärfen können – auch wenn die Ampelfrauen allein nicht ausreichen, damit Frauen sich im öffentlichen Raum wohl und sicher fühlen.

Von Männern für Männer gemacht

Die Sicherheit, die Frauen in einer Stadt oder einem Viertel empfinden, ist oft mit grundlegenden Aspekten wie dem Aufbau der Stadt oder dem Transportsystem verknüpft. Städte weltweit seien aber von Männern für Männer konstruiert, kritisiert Leslie Kern, Autorin von „Feminist City“.

„Die Erfahrungen von Frauen im Stadtleben und ihre speziellen Bedürfnisse waren immer nur ein Nachgedanke, weil die meisten Stadtplaner und Politiker Männer waren und sind und sie nicht die gleichen Erfahrungen wie Frauen haben“, sagt Kern, die als Professorin für Geografie, Umwelt sowie Frauen- und Geschlechterstudien an der kanadischen Mount Allison University forscht und lehrt.

Männer können es sich oft nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, jederzeit belästigt werden zu können, sich schwanger in öffentliche Verkehrsmittel zu quetschen und Kinder, Einkauf und Arbeit zu koordinieren.

Eine Trennung in Wohn-, Markt-, Geschäftsviertel oder Industriegebiete in Städten ignoriert den Alltag von Frauen, die häufig Beruf und andere Aufgaben wie Kinderbetreuung ausbalancieren müssen. Meist sind sie gezwungen, lange Wege zwischen Wohnungen, Kindergärten, Parkanlagen, Schulen, Dienstleistern wie Ärzten und Arbeitsplatz zurückzulegen.

Frauen sind zudem mehr als Männer auf öffentliche Transportmittel angewiesen – doch die bringen sie selten nahtlos von einem Ort zum anderen, was nicht nur Zeit kostet, sondern auch ihre Sicherheit beeinträchtigt. Städte investieren meist mehr in den Ausbau von zentralen Straßen statt in Fußwege und öffentliche Verkehrssysteme.

Auch Baumaßnahmen wie Unterführungen können zwar den Verkehr besser fließen lassen – für Frauen sind solche uneinsehbaren Tunnel aber unangenehm, bei sexuellen Übergriffen verwandeln sie sich in eine Falle. Ohne Aufzüge oder Rolltreppen sind sie zudem eine Barriere für Mütter mit Kinderwagen.

Als Kern in London lebte und mit ihrer Tochter schwanger wurde, verwandelte sich alles auf einmal in einen Hindernislauf: „Plötzlich schien mir die Stadt zu sagen: Du gehörst hier nicht hin“, erinnert sie sich. „Du passt mit dem Kinderwagen nicht mehr in die öffentlichen Verkehrsmittel hinein, du kannst dich nicht mehr leicht durch die Stadt bewegen, und Menschen haben mich angesehen, als hätte ich im öffentlichen Raum nichts mehr zu suchen.“

Fehlende Aufzüge und Rolltreppen, aber auch Stufen, zu eng geschwungene Treppen, Drehtüren, steile Rolltreppen, enge Kurven, zu kleine öffentliche Toiletten, Plätze oder schmale Wege, auf denen sich viele Menschen bewegen und kein Raum für Kinderwagen bleibt, erschweren es Müttern, durch die Stadt zu navigieren.

Die feministische Stadt

Wie also könnte sie aussehen, eine faire Stadt? „Eine feministische Stadtplanung wäre eine, bei der die unbezahlte Care-Arbeit anerkannt und bezahlt wird und Bedürfnisse von Frauen im Design und auch bei Budgetentscheidungen berücksichtigt werden“, sagt Kern. Städte, die Gender Mainstreaming betreiben, kalkulieren bei allen Vorhaben die unterschiedlichen Auswirkungen auf die Lebenssituationen von Frauen und Männern. Dazu zählt etwa der Ansatz, Frauen vor Bauvorhaben zu ihrer Situation und ihren Wünschen zu befragen.

Öffentliche Transportsysteme müssten Kern zufolge verändert und ausgebaut sowie mehr Wohnmöglichkeiten geschaffen werden – auch Alternativen zur traditionellen Kernfamilie. Co-Housing-Optionen, in der mehrere Alleinerziehende und Familien zusammenleben und viel kollektiven Raum teilen und sich etwa beim Kochen, bei der Kinderbetreuung und anderer Hausarbeit abwechseln, könnten Frauen entlasten.

Die feministische Stadt ist bisher noch eine Utopie, aber viele Städte weltweit experimentieren mit kleineren Interventionen, wie Toiletten für obdachlose Frauen, mobilen Teams gegen häusliche Gewalt oder eben Ampelfrauen. „Der Wandel zur feministischen Stadt wird nicht einfach von oben kommen, von Städteplanern und Politikern“, glaubt Kern. Oft treiben Frauen, aber auch zivilgesellschaftliche Organisationen Veränderungen mit ihren Initiativen voran.

Gefährliche Orte

Die Kinderhilfsorganisation Plan International hat im Rahmen des Projekts „Safer Cities for Girls“ Mädchen und Frauen in Großstädten wie Delhi, Kairo, Hanoi, Kampala oder Lima zu ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung, Diskriminierung und Gewalt befragt – und Ideen gesammelt, um die Städte sicherer zu machen.

Bei sogenannten Safety Walks liefen die Jugendlichen durch die Straßen ihrer Viertel, fotografierten gefährliche Orte und Probleme wie kaputte oder fehlende Straßenbeleuchtung oder öffentliche Toiletten, die sich nicht abschließen lassen, und markierten sie auf digitalen Karten. Die digitale Dokumentation soll dabei helfen, die Bevölkerung zu sensibilisieren, aber auch konkrete Veränderungen bei Polizei, Stadtverwaltung oder Regierungen einzufordern.

In den vergangenen Monaten hat die Organisation auch Mädchen und Frauen in deutschen Großstädten aufgefordert, ihre Erfahrungen zu teilen – auf der „Safer Cities Map“ haben Teilnehmerinnen etwa unbeleuchtete Radwege oder Haltestellen sowie Treffpunkte von „zwielichtigen Männergruppen“ markiert, die vor Banken, an öffentlichen Plätzen oder an S-Bahn-Stationen herumlungern.

Auch in Indien wäre es laut Elsa Maria D’Silva wichtig, das öffentliche Transportsystem umzugestalten, um die Stadt sicherer für Frauen zu machen. In Zügen und Bussen gebe es zwar mittlerweile spezielle Sitze und Abteile für Frauen – „aber außerhalb dieses segregierten Raums garantiert keiner für deine Sicherheit“, sagt D’Silva.

Ende 2012 hatten mehrere Männer in Neu-Delhi eine junge Frau brutal vergewaltigt, die an ihren Verletzungen starb. Der Fall hatte damals eine landesweite Debatte über sexuelle Gewalt ausgelöst. Auch D’Silva wollte etwas tun – und gründete mit Freunden die Crowdsourcing-Plattform „Safecity“ – um das Ausmaß sexueller Übergriffe zu dokumentieren und anzuprangern. Mädchen und Frauen haben seitdem mehr als 13.000 Geschichten beigesteuert, von Catcalling bis hin zu Vergewaltigungen.

Dort, wo die Daten auf Hotspots hindeuten, setzen D’Silva, ihr Team und die Betroffenen sich mit Behörden, Transportunternehmen, Polizei und auch Anwohnern zusammen und versuchen, gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. In Workshops haben junge Frauen etwa Wandbilder an öffentlichen Toiletten, Straßen oder Schulen gemalt, wo es immer wieder Belästigungen gab

Im vergangenen Jahr hat ihre Stiftung Tausende von Workshops veranstaltet, bei denen junge Frauen und Männer über schmerzhafte Erfahrungen gesprochen haben – und junge Männer lernen, dass ihre Belästigungen kein Spaß sind und sie aktiv gegen sexuelle Gewalt vorgehen müssen. Denn physische Veränderungen allein erschaffen noch keine Stadt, in der Mädchen und Frauen sich sicher fühlen.

Das Leben in der feministischen Stadt

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Das Leben in der feministischen Stadt

Buchcover mit der Abbildung einer stark ruinösen Häuserfassade aus der Nachkriegszeit. Links davor sitzt ein ca. 6 -jähriges Kind auf den Eingangsstufen, rechts daneben steht ein leerer Kinderwagen. Fenster und Tür des Hauses sind mit Holzrolläden verschlossen.Titel und weitere Information sind in fetter weißer Schrift angeordnet.

Buchautor_innenFrauen, Steine, Erde (Hg.)BuchtitelBeiträge zur Feministischen Theorie und PraxisBuchuntertitelFrauen Räume Architektur UmweltArchitektinnen, Stadtplanerinnen und Soziologinnen formulierten vor fast 40 Jahren feministisch-materialistische Perspektiven auf Architektur und Stadtplanung, an die es sich zu erinnern lohnt.

Die Zeitschrift beiträge zur feministischen theorie und praxis war eines der wichtigsten Publikationsorgane der westdeutschen autonomen Frauenbewegung und prägte deren Debatten zwischen 1978 und 2008. Die Ausgabe, um die es hier gehen soll, wurde von der Gruppe „Frauen, Steine, Erde“ redaktionell verantwortet, in der sich Architektinnen, Stadtplanerinnen und Stadtsoziologinnen als Reaktion auf die männliche Dominanz in ihren Berufsfeldern organisiert hatten. Die Feministinnen intervenierten in eine Auseinandersetzung der zweiten Frauenbewegung mit der gebauten Umwelt, die bereits Mitte der 1970er Jahre begonnen hatte. Dabei waren konkrete Wohnverhältnisse der Nachkriegsjahrzehnte, etwa die kleinbürgerliche Suburbanisierung, die Isolation in anonymen Hochhaussiedlungen oder Gewalt im öffentlichen Raum in den Fokus der Kritik geraten.

Feministische Gruppen fragten, inwiefern patriarchale Herrschaft in die gebaute Umwelt eingeschrieben ist und wie diese wiederum herrschende Geschlechterverhältnisse reproduzieren. Sie eigneten sich autonome (Frauen-)Räume an und formulierten utopische Gegenentwürfe zur bestehenden Planung. Außerdem kritisierten sie Leerstellen progressiver Stadtpolitik, wie Kerstin Dörhöfer den Anspruch der Bewegung zusammenfasst:

„Ohne jedoch auch die patriarchalisch bestimmte Arbeitsteiligkeit als gesellschaftliche und ökonomische Determinante gerade der Wohnungsstrukturen zu analysieren, bleiben Konzepte für die Praxis, auch wenn sie politisch noch so radikal erscheinen – Verstaatlichung der Wohnungsversorgung, Planungsentscheidungen durch die Betroffenen – traditionellen Strukturen verhaftet.“ (S. 33)

Wohnen in der Männerstadt

Der letzte Teil des Heftes „Frauen entwerfen Stadtutopien“ zeigt beispielhaft, dass diese Auseinandersetzung mitnichten nur von professionellen Protagonistinnen geführt wurde. Vielmehr sollten mittels Workshops und Biografiearbeit die Bedürfnisse von Frauen sichtbar gemacht werden. Die Architektin Dörhöfer geht in ihrem Beitrag von ihrer eigenen Subjektivität sowie der Befragung von Frauen über ihr Wohnumfeld aus und überlegt, wie über Klassengrenzen hinweg Solidarität organisiert werden könnte. Sie entwickelt dafür die Figur der „Gesamtreproduktionsarbeiterin“ (ebd.). Dabei wendet sie sich sowohl gegen die Idee, dass eine emanzipatorische Stadtplanung nur von professionellen Planerinnen durchgeführt werden könnte, als auch gegen die Vorstellung, diese ließe sich bereits unter den bestehenden Bedingungen von Kapitalismus und Patriarchat verwirklichen. Dörhöfer lenkt wie andere Autorinnen in der Zeitschrift den Blick darauf, wie ökonomische Konjunkturen, etwa die Frage der Erwerbstätigkeit von Frauen, die Art des Wohnens prägen. So beschreibt sie, dass in den 1950er Jahren die Konkurrenz durch Frauen auf dem Arbeitsmarkt ausgeschlossen werden sollte, ihre Bedeutung für reproduktive Funktionen, wie das Gebären von Kindern, betont und durch Familienideologie (und -soziologie) begründet worden sei. Der Bau von „Eigenheim- und Reihenhaussiedlungen“ in den Vorstädten waren deshalb zugleich eine Folge des Unwillens des Kapitals in Wohnungsbau zu investieren wie des Umgangs mit dem Arbeitsmarkt in der Nachkriegszeit. In ähnlicher Weise hätte Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre der Arbeitskräftemangel und die infolgedessen zunehmende Frauenerwerbstätigkeit ihren baulichen Ausdruck in mehrgeschossigen Großsiedlungen gefunden. Dörhöfers Kritik gilt besonders der Tatsache, dass eine systematische Missachtung von Reproduktionsarbeit in Planungspraxis und Wissenschaft stattfindet. Ähnlich wie die „Lohn für Hausarbeit“-Kampagne zielten die Feministinnen hier darauf, die unbezahlte Haus- und Sorgearbeit als Arbeit anzuerkennen.

Besonders plastisch beschreibt Dörhöfer, wie selbst dort, wo ihre akademischen Kolleg*innen die Stadt als Produkt kapitalistischer Entwicklung betrachteten, die Wohnungsnot zur Zeit der Industrialisierung bloß durch die „sprunghaft ansteigende[] Anzahl der Lohnarbeiter und kleinen Angestellten“ der nach „Berlin strömenden verarmten Bauern und Landarbeiter[]“ erklärt wurde (S.35). Dass Frauen hier nicht bloß sprachlich nicht vorkommen, sondern auch analytisch eine Leerstelle bleibt, verdeutlicht Dörhöfer durch ein Gedankenspiel: Was wäre, wenn tatsächlich nur Männer in die Städte gezogen wären? Dörhöfer spekuliert, dass es in einer Männerstadt keine Wohnungen im eigentlichen Sinne gegeben hätte, sondern bloße Schlafstätten, und die Reproduktion in rationalisierter Weise durch Staat und Kapital geregelt worden wäre. Das heißt etwa, dass

„die Probleme der Ernährung durch Kantinen, der Hygiene durch Gemeinschaftsbäder, der Kleider- und Wäschepflege durch entsprechende Dienstleistungszentren gelöst“ worden wären.„Die notwendige Reproduktion der Arbeitskraft hätte gesellschaftlich andere Ausprägungen und baulich-räumlich andere Formen, andere Stadtstrukturen hervorgerufen.“ (S. 35f.)

Die feministisch-materialistische Analyse von Stadt macht deutlich, dass die Entstehung des kapitalistischen Wohnungsmarktes das Ergebnis der Trennung von Haus- und Fabrikarbeit in der Industrialisierung ist, die aber nur durch das (patriarchale) Geschlechterverhältnis erklärbar wird. Die Wohnung wurde zum Ort der privatisierten Reproduktion von Arbeitskraft und zugleich zur Erholungs- und Arbeitsstätte.

Die sexistische Funktion der kleinen Küche

Die historische Perspektive wird von zwei weiteren Beiträgen vertieft. Eva Schulzes Artikel „Trautes Heim, Glück Allein! Über die Domestizierung der Frau im Biedermeier“ beschäftigt sich eingehend mit dem Moment des Übergangs von der Ökonomie des „ganzen Hauses“ zum bürgerlichen Haushalt im Biedermeier. Dabei wird deutlich, wie die Entstehung der modernen bürgerlichen Familie und die Ideologie hausfräulicher Weiblichkeit mit einer neuen Form des Wohnens zusammenhängen: die Trennung der Funktionen des Öffentlichen/der Repräsentation (das Wohnzimmer), des Privaten/der Initimität (das Schlafzimmer) und des Arbeitens (Wirtschaftsräume für das Dienstpersonal und Küche). Ultimativ, so Schulze, liegt hier die Unsichtbarkeit der Arbeit von Frauen begründet, denn: „Überall in der Wohnung soll nur das fertige Produkt ihrer liebenden, unsichtbaren Hände sichtbar sein.“ (S. 73)

Ähnlich wie Schulze zeigt die Architektin Myra Warhaftig, wie diese Vorstellungen die Gestalt von Wohnungen im 20. Jahrhundert geprägt haben. Sie demonstriert anhand der DIN-Normen für den Sozialen Wohnungsbau, wie das Prinzip der bürgerlichen Kleinfamilienwohnung verallgemeinert wurde. Hier rückt also auch der Staat als Akteur, der Einfluss auf das erwünschte Familienleben seiner Subjekte nimmt, in den Blick. Warhaftigs Kritik gilt insbesondere der winzigen Küche, welche ein besonderes „Emanzipationshindernis“ für Frauen darstelle, da sie die Frau noch in der Wohnung selbst isoliere, geschlechtsspezifisches Rollenverhalten fortschreibe und die Doppelbelastung von berufstätigen Frauen verstärke. In ihren eigenen Entwürfen ist daher die Integration der Funktionen von Kochen und Essen zentral.

Feministische Stadtteilarbeit

Die Stadtsoziologin Ulla Terlinden kommt zu anderen Schlussfolgerungen. Ihre Kritik setzt bei der Trennung von Arbeiten und Wohnen in der funktionalistischen Stadt an, die Frauen in Stadtrandviertel drängt. Erschwerte Mobilität, vor allem für Frauen, die der Doppelbelastung von Lohn- und Reproduktionsarbeit nachgehen und fehlende Erholungsräume sind für sie zentrale Probleme. Solange die herrschenden Geschlechterverhältnisse fortbestehen, hält sie deshalb eine Perspektive „baulich-räumliche[r] Autonomie“ für Frauen für unerlässlich. Nicht kommunikative Küchen, sondern Raum, der Frauen befähigt, sich Haus- und Beziehungsarbeit zu entziehen. Neben individuellen Räumen für alle Familienmitglieder spricht sie sich deshalb für die Notwendigkeit von Frauentreffpunkten aus.

Terlindens Text ist ein Plädoyer für feministische Stadtteilarbeit, auch abseits der Zentren der Frauenbewegung, um die Selbstorganisation von Frauen zu unterstützen. Denn:

„Planung im Interesse von Frauen erfordert zunächst eine Veränderung in der Planungsmethodik im Sinne der Aufhebung des Unterschiedes zwischen Planungssubjekten und Planungsobjekten, also zwischen Planerinnen und Benutzerinnen.“ (S. 49)

Terlindens Gedanken zur Mitbestimmung in Planungsprozessen bewegen sich hier außerdem im, für die zweite Frauenbewegung typischen, Spannungsfeld von Autonomie und Integration. Dem Ziel, in institutionelle Planungsprozesse hineinwirken zu wollen, steht ein Bewusstsein der Gefahr, zum Legitimationsinstrument der Herrschenden zu werden, gegenüber. Um sich einer Vereinnahmung zu entziehen, sollen diese Versuche immer wieder in/mit der autonomen Frauenbewegung reflektiert werden.

Wie wir zusammenleben wollen

Auch wenn man die beiträge als Reaktion auf ihre Zeit lesen muss, sind doch viele analytische Ansätze noch heute relevant. Perspektiven auf Stadt und Architektur, die Geschlecht und Reproduktion einbeziehen, bleiben eine wichtige Intervention. Aktuelle stadtpolitische Kämpfe thematisieren vor allem Gentrifizierung und Verdrängung, klagen die Profitinteressen der Immobilienwirtschaft oder die Verwertung von Wohnraum als Ware an. Die feministischen Debatten erinnern daran, dass unsere Analysen, Forderungen und Kämpfe nicht nur die Frage des ob, sondern auch die des wie Wohnens auf die Tagesordnung setzen müssen. Schließlich bedeutet etwa die Verdrängung aus den Stadtzentren oder der Austausch von Nahversorgungsinfrastruktur besonders für Frauen eine Verschlechterung der Lebensbedingungen.

Über ein anderes Wohnen nachzudenken kann auch heißen, einen utopischen Horizont aufzuspannen. Vorschläge, etwa für die Kollektivierung von Reproduktionsaufgaben und für eine Planung, die Bedürfnisse nach Individualität wie Gemeinschaft einbezieht, gibt es von Feministinnen bereits zuhauf. Wenn wir Entwürfe für ein Zusammenleben jenseits der Kleinfamilie verwirklichen und solidarische Beziehungsweisen ermöglichen wollen, müssen auch unsere Städte von morgen anders eingerichtet, und gebaut sein.