„Housing First“ in Aachen – Schnelle Umsetzung dringend notwendig!

Wir von „Recht auf Stadt Aachen“ sind sehr erfreut darüber, dass als Resultat der Diskussion um die Untersuchung „Aachener Lebenswelten von Menschen in Wohnungsnot und -losigkeit“, im Stadtrat beantragt wurde, das Konzept „Housing First“ in Aachen umzusetzen. Das Konzept setzt beim Menschenrecht auf Wohnen an und besagt, dass Menschen, die obdachlos werden, vor allen anderen Maßnahmen eine eigene Wohnung bekommen sollen. Weitere Hilfsangebote setzen danach an und sind für die Betroffenen nicht verpflichtend. Somit erhalten sie die Möglichkeit, selbstbestimmt zu leben und sich selbst zu helfen.

Bis Ende des Jahres soll ein Konzept für die Umsetzung in der Stadt Aachen ausgearbeitet werden. Dies wird auch in der ganzen Städteregion dringend benötigt. Schließlich stoßen in der ganzen Region hohe Armutsquoten auf stark steigende Mieten. Die Zahl der Wohnungslosen hat sich in der Region seit 2011 von 509 auf 1.075 verdoppelt. Obwohl sich dieser Missstand schon seit langem abzeichnet, haben die vergangenen Regierungen von CDU und SPD nicht viel an der Wohnungsnot und der Situation Wohnungsloser in Aachen und der Region geändert. In den Corona-Lockdowns 2020 standen hunderte Hotelzimmer leer, während Aachens Notschlafstelle für Wohnungslose nur in einer Turnhalle untergebracht war. Dazu kommt, dass nichtmal die reguläre Notschlafstelle, das Café Plattform, vollständig durch öffentliche Gelder finanziert wird, sondern von der Caritas getragen und auf Spenden angewiesen ist*.  Die Übergangswohnheime an der Weißwasserstraße und der Aretzstraße werden von Bewohner:innen als menschenunwürdig beschrieben². Beide Wohnheime liegen in Stadtteilen, in die in den letzten Jahren im Rahmen des Programms „Soziale Stadt“ viel Geld geflossen ist. Für die Wohnheime blieb dabei wohl nichts übrig. Eine Spiegel-Doku von 2021 hat gezeigt, dass auch in den Übergangswohnheimen am Kelmesberg in Stolberg schockierende Zustände offensichtlichen Elends herrschen. Der vom Hochwasser 2021 stark betroffene Ort hatte also nie eine Struktur, um Menschen in Not unterzubringen. Obwohl die gesamte Innenstadt betroffen war, konnten selbst Tage nach der Zerstörung nur 35 Menschen in einem Jugendheim untergebracht werden. Hätten sich viele Menschen nicht selbst geholfen, wäre die Infrastruktur wohl überlastet³. In diesen Tagen wurde nun öffentlich, dass auch in einer Einrichtung in Würselen Menschen gezwungen sind, in verschimmelten Wohnungen zu leben. Erst seit dies öffentlich wurde, hat die Stadt reagiert und versucht, die Zustände zu vertuschen. Dabei hat sie Betroffene gegen ihren Willen getrennt, ihnen untersagt, ihre Sachen mitzunehmen und die Presse mehrmals durch das Ordnungsamt des Platzes verweisen lassen. Die Stadtverordnete, die die Zustände öffentlich machte, bekam sogar einen Platzverweis⁴. Wohnungslose werden in unser Region offensichtlich als Menschen zweiter Klasse behandelt, ohne dass es die Parteien und Verwaltungen stört.

Dass es überhaupt zu solchen Zuständen kommt und diese erst jetzt bekannt werden, wirft ein sehr schlechtes Licht auf die verantwortlichen Kommunen und Politiker:innen. So wichtig und wertvoll ihre Arbeit ist, müssen sich aber auch die beteiligten sozialen Träger wie z.B. die Caritas fragen lassen, warum sie bei solch katastrophalen Zuständen nicht eingeschritten sind. Das dies nicht geschehen ist zeigt wieder mal, wie wichtig es ist, dass Wohnungslose dabei unterstützt werden, für sich selbst zu sprechen. Dies könnte mit finanziellen Mitteln und Räumen für einen Zusammenschluss nach dem Vorbild der „Selbstvertretung wohnungsloser Menschen“ oder dem OMZ (Obdachlose mit Zukunft) geschehen.

Damit diese Misere aufhört und Obdachlosigkeit vollständig überwunden wird, ist das Konzept „Housing First“ dringend notwendig!

Ein großes Problem bleibt dabei, den nötigen Wohnraum bereitzustellen. Aufgrund der Entscheidung, städtische Wohnungsbestände zu privatisieren, verwaltet die Stadt Aachen kaum noch eigene Wohnungen. Die Zahl der Sozialwohnungen wird bis 2030 dramatisch sinken und die Mieten im Rest der Stadt weiter steigen. Dabei hätten 50 % aller Haushalte in Aachen Anspruch auf eine Sozialwohnung⁵! Um bei diesem Mietenwahnsinn Wohnungslosigkeit zu verhindern, wäre „öffentlicher Wohnungsbau, Hand in Hand mit genossenschaftlichen Initiativen und Mietshäuser-Syndikaten“ ein guter erster Ansatz⁶. Damit nie wieder ein Mensch unfreiwillig seine Wohnung verliert, darf Wohnraum jedoch nicht mehr als Ware gelten, sondern als Menschenrecht! Keine Profite mit Boden und Miete!

Auf dem Weg dahin werden wir unausweichlich über Instrumente wie „Enteignung von Wohnungskonzernen“, eine „Bauwende“ oder einen „Mietendeckel“ sprechen müssen. Es wäre wünschenswert, wenn die Parteien, die sich aktuell für „Housing First“ einsetzen, diese Dimension des Problems nicht vernachlässigen und alle Optionen ehrlich diskutieren. Die Zeit drängt! Die Zustände in den Wohnheimen müssen sofort verbessert werden! Wohnungslosigkeit muss als gesellschaftliches statt als individuelles Problem anerkannt werden und mit vereinten Kräften überwunden werden! Wenn sich nicht schnell etwas ändert, wird es darauf ankommen, den Druck von unten zu erhöhen! Solidarität mit allen Wohnungslosen – Wohnungen für alle!

Quellen:

* http://www.glueck-spenden.de/

² Aachener Lebenswelten von Menschen in Wohnungsnot und -losigkeit

³ Aachener Nachrichten: Rettung, Hilfe und Seelsorge in einem

⁴ Aachener Nachrichten: Wo Obdachlose im Schimmel hausen

⁵ Wohnungsmarktbericht der Stadt Aachen 2020, Seite 57

⁶ Aachener Lebenswelten von Menschen in Wohnungsnot und -losigkeit

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