Der Starfish schließt!

Nach 20 Jahren schließen sich die Türen zu 25.000 qm Party-Fläche. Der Kauf ist anscheinend schon abgeschlossen. Der Engineering-Dienstleister „Umlaut AG“ übernimmt das Gelände. Das Unternehmen hat sich im alten Schlachthof angesiedelt und will seinen Firmenstandort nun erweitern. Auch wenn viele nichts mit der Großraum-Disco anfangen konnten, denken wir, dass es trotzdem bedenkenswert ist!

Aachen hat in den letzten Jahren immer mehr Veranstaltungsräume für Partys, Konzerte und Kultur verloren. Im Vergleich zu anderen Universitätsstädten dieser Größe ist das Angebot erbärmlich! Am 19.10.19 wurde verschiedenen Kultur-Initiativen die erste „Krachparade“ organisiert, um auf diesen Umstand aufmerksam zu machen. Eine der Forderungen lautete:

„Die Stadt Aachen soll einen kostenfreien Kulturraum für den Austausch aller Menschen in Aachen zur Verfügung zu stellen, am liebsten unter der Leitung des oben genannten Gremiums (bestehend aus Kulturschaffenden) “.

 Im Jahr davor hatte sich bereits die Initiative „Spielräume“ gegründet, um ebenfalls auf das Kultursterben aufmerksam zu machen und bedrohte Orte wie den Musikbunker zu unterstützen. AktivistInnen von uns haben sich ebenfalls daran beteiligt.

PolitikerInnen von Grünen und SPD kamen auch und versicherten uns, dass neue größere Veranstaltungsräume höchstens außerhalb der Innenstadt eine Chance auf eine Lizenz hätten. Wie kann es nun sein, dass 25.000 qm an geeigneter Fläche ohne Kommentar an ein Unternehmen verkauft werden?? Wie kann die Stadt das zulassen? Die Stadt hätte Vorkaufsrecht nutzen können!

Baugesetzbuch:

§ 24
Allgemeines Vorkaufsrecht

(1) Der Gemeinde steht ein Vorkaufsrecht zu beim Kauf von Grundstücken:

3. in einem förmlich festgelegten Sanierungsgebiet und städtebaulichen Entwicklungsbereich,

weiter unten heißt es:

(3) 1Das Vorkaufsrecht darf nur ausgeübt werden, wenn das Wohl der Allgemeinheit dies rechtfertigt. 2Bei der Ausübung des Vorkaufsrechts hat die Gemeinde den Verwendungszweck des Grundstücks anzugeben.

Beides trifft zu!

  1. Das Bedürfnis nach Räumen mit mehr Möglichkeiten wurde überdeutlich und immer wieder aus der Bevölkerung geäußert! Die Ansätze, die aus Veranstaltungsräumen und sozialen Treffpunkten entstehen können, bieten positive Auswirkungen für weite Teile der Bevölkerung. Das Wohl der Allgemeinheit wäre also gestärkt!
  2. Der Starfish liegt im Stadtteil Aachen-Nord. Dort läuft seit 2008 das Programm „Soziale Stadt Aachen Nord“.  Die Gründe für das Programm sind laut Stadt, die hohe Langzeitarbeitslosigkeit, Armut und schlechte Integration von Menschen ohne deutschen Pass. Das Gebiet ist also offensichtlich ein städtebaulicher Entwicklungsbereich, der nun schon 10 Jahre im Fokus der Stadt liegt.

Wir sind uns bewusst, dass 25.000 qm sehr groß sind für unabhängige Initiativen oder Kulturschaffende. Es haben sich so viele Gruppen, Initiativen und Einzelpersonen über das Kultursterben und fehlende Möglichkeiten für Kreativität oder soziale Projekte beschwert, dass es einen Versuch wert gewesen wäre!

Auch wenn es nur um einen Teil der Fläche gehen würde, die Stadt hätte öffentlich fragen können, ob Interesse besteht. Spätestens seit der Initiative „Spielräume“ und Krachparade wussten mind. einzelne PolitikerInnen, welche Akteure existieren bzw. wen sie ansprechen könnten. Gleichzeitig werden in der Nachbarschaft KünstlerInnen aus ihren Ateliers und der CCC aus seinen Büros verdrängt, um in der „Jahrhunderthalle“ weiteren Büro-Raum für hoch qualifizierte Arbeitskräfte zu schaffen. Auch die „Umlaut AG“ beschäftigt v. a. hoch qualifiziertes, gut bezahltes Personal welches natürlich auch in der Nachbarschaft wohnen will.

Zukünftig ist also wahrscheinlich, dass die Wohnungen eher auf diese Zielgruppe ausgerichtet werden, als auf die jetzige ärmere Bevölkerung. Noch gehört der Stadtteil zu einem der billigsten aber zwischen 2012 und 2018 stieg die Miete in dem Bereich bereits zwischen 20% und 30% (siehe „Verdrängungsatlas). Laut dem Wohnungsmarktbericht 2019 gehört Aachen-Nord offiziell zu den bedrohten Viertel. In dem Bericht steht es Schwarz auf Weiß: Gentrifizierung passiert schon jetzt und die Stadt sieht zu. Wenn es so weiter geht, werden in einigen Jahren die Menschen, für die das Programm „Soziale Stadt Aachen Nord“ gedacht war, sich nicht mehr die Miete leisten können. Die Stadt sollte wissen, dass es genau solche Unternehmensansiedlungen sind, wie in Zukunft im Starfish oder in der Jahrhunderhalle die Gentrifizierung auslösen. Soziale oder kulturelle Orten bergen viel weniger Risiko solche Prozesse anzustoßen und werden dringend gebraucht!

Wir sind schwer enttäuscht, dass das Engagement für unabhängige Kultur so wenig wertgeschätzt wird von der Stadt! Anscheinend besteht noch immer zu wenig Bewusstsein für die Probleme wie Gentrifizierung, um bei solchen Möglichkeiten zuzugreifen!

Verdrängungsatlas:

http://ratsinfo.aachen.de/bi/___tmp/tmp/45081036220459808/220459808/00344716/16.pdf

Wohnungsmarktbericht:

http://www.aachen.de/DE/stadt_buerger/wohnen/Wohnraumentwicklung/Stadt-Aachen-Wohnungsmarktbericht-2019.pdf

Ein Kommentar

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert