Redebeitrag bei der Krachparade 2022

Vor dem Depot in Aachen-Nord haben wir diesen Redebeitrag gehalten:

Hallo auch von mir! Schön, dass so viele Leute zu dieser tollen Veranstaltung gekommen sind! Vielen Dank an die Organisator:innen.

Seit der letzten Krachparade ist viel passiert. Corona hat uns vor Augen geführt, wie wichtig das kulturelle Leben für unsere Gesellschaft ist. Kunst und Kultur bringen Menschen zusammen, sie sorgen für Austausch und Diskussionen, machen Orte lebenswert, erlauben sich auszuprobieren, sie bieten eine Alternative zu Konsumzwang und Erholung vom kapitalistischen Leistungsdruck. Umso schöner ist es, dass dieses Jahr wieder mehr passiert und einiges nachgeholt werden kann.

Doch schon kommen die alten Probleme zurück. Lärmschutz, hemmende Bürokratie oder fehlende Räume verhindern viele gute Ideen. Noch immer denkt die Stadtverwaltung die freie Kultur viel zu wenig mit und vergibt bei vielen Planungen und Bauprojekten große Chancen. Umso wichtiger, dass wir heute hier sind und uns für die gemeinsamen Forderungen stark machen: Wir brauchen mehr Räume!! Wir brauchen eine Stimme im Stadtrat und eine Verwaltung, die für statt gegen uns arbeitet.

Da wir uns als Initiative nun schon seit 2015 mit der Stadtentwicklung Aachens beschäftigen, ist uns dabei wichtig zu betonen: Die Stadt braucht uns alle. Die Stadt braucht die Kulturschaffenden.

Warum das so ist?  Jede Stadt steht spätestens seit der Neoliberalisierung in den 80er/90ern finanziell in Konkurrenz zu anderen Städten. Statt das Geld bedarfsgerecht zu verteilen, muss jede Stadt selbst gucken, woher die Steuern kommen. Also muss sich jede Stadt darum bemühen, für große Firmen, eine Start-Up-Szene und hoch qualifizierte Arbeitskräfte attraktiv zu sein. In Aachen ist die RWTH für all das der ausschlaggebende Faktor. Aber da das Leben hier für viele Studierende zu wenig zu bieten hat, verlassen sie die Stadt nach ihrem Abschluss. Die alten Opern, Theater und Museen reichen halt nicht aus, nachdem so viele Clubs schließen mussten.

Das hat selbst die Stadt Aachen begriffen. Das Stadtglühen ist ein gutes Beispiel. Aber an dem vielfältigen Programm des Stadtglühens zeigt sich auch: Wenn sich in Aachen was ändern soll, wenn es bunteres Straßenleben geben soll, mehr Orte mit besonderem Flair, mehr Ausgehmöglichkeiten, mehr Events, mehr Kultur, dann nur mit der Vielfalt der Subkulturen, nur mit euch.

Aber auch wenn das Stadtglühen sehr schön gewesen sein mag: Es bleibt ein Impuls aus der Stadtverwaltung an die Kulturwelt, der jedoch langfristig zu keinen spürbaren Veränderungen führt.

Abgesehen von vielleicht einigen wenigen idealistischen Führungspersonen geht es der Stadtverwaltung Aachens nicht um die Kultur, sondern die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt. Alles ist Standortpolitik. Dafür stehen wir an einem sehr symbolischen Ort. Wir sind mitten in Aachen-Nord. Hier wurde zwischen 2010 und 2021 ein Stadtentwicklungsprojekt durchgeführt: Soziale Stadt Aachen-Nord. Dank des Stadtentwicklungsprojekts wurden Plätze verschönert, Fassaden gestrichen, Events organisiert und peu a peu hat sich das Image des Stadtteils zum Positiven geändert. Sofort sind Immobilienunternehmen aufmerksam geworden und die Mieten steigen stark. Immer mehr Studierende und wohlhabendere Menschen ziehen zu, während die alten Bewohner:innen verdrängt werden. Für uns interessant: Für die Entwicklung des Stadtteils haben die Kreativen und die Kreativwirtschaft eine zentrale Rolle gespielt. Bei vielen Projekten wurden sie von der Stadt eingebunden und selbst das Depot hier sollte ursprünglich „Kreativdepot“ heißen. Das es nicht so heißt, steht symbolisch für die Entwicklung von ganz Aachen-Nord. Statt das Depot den Subkulturen und der Nachbarschaft zugänglich zu machen, fordert die Stadt Mieten, die sich nur Firmen oder große Anlässe leisten können. Statt das Hotel Total zu erhalten, hat der berüchtigte Investor Hermanns die Digital Church eröffnet. Statt das Fabrikgebäude voller Ateliers an der Jülicher Straße zu erhalten, wird der Start-Up-Campus „At the Park“ eröffnet. Wer mietet sich als erster ein: die RWTH. Statt den Starfish nach der Schließung für alternative Kultur zu öffnen, sind wieder teure Veranstaltungsflächen entstanden. Die Stadt hat die Kreativen in Aachen-Nord nur so lange gefördert, bis sie nicht mehr notwendig waren. Dann wurden sie verdrängt. Beispiele für solche Prozesse gibt es mittlerweile in fast allen Städten. Sei es von Unternehmen oder den Regierungen: Überall werden die Kreativen ausgenutzt, um das Image von verrufenen oder umstrittenen Orten zu ändern. Eine wirkliche Diskussion um die Bedürfnisse der Nutzer:innen der Orte oder der Stadtgesellschaft kommt dabei oft viel zu kurz.

Leider finden sich auch in Aachen noch einige Beispiele: Der Stadtsaal am Brennpunkt Bushof, Kunstverkauf und Graffiti in der Antoniusstraße, Pop-Up-Stores im Leerstand an der unteren Adalbertstraße, Graffiti am 50 Millionen Projekt „Neues Kurhaus“ im Stadtpark und so weiter.

Alles nur punktuell, ohne für Kulturschaffende eine langfristige Alternative zu bieten. Würde dadurch eine Veränderung spürbar, wären wir heute nicht hier. Umso wichtiger, dass wir alle auch nach der Krachparade dran bleiben und uns nicht mehr Übergangslösungen zufriedengeben, die am Ende von Großinvestoren oder für das Prestige der Stadt ausgenutzt werden. Es kann von keinem hier das Interesse sein, einem Investor eine Möglichkeit zu bieten, die Mieten zu erhöhen. Stattdessen könnten wir unsere Fähigkeiten, schöne Veranstaltungen zu organisieren oder unsere Räume dazu nutzen, in der Nachbarschaft Netzwerke aufzubauen. Wenn das gelingt, könnte es einerseits möglich sein, sich gegen Mieterhöhung und Verdrängung zu wehren, andererseits könnten könnte daraus ganz neue Formen von Nachbarschaftskultur entstehen. Der Kulturwelt könnte das elitäre genommen werden. Es könnte viel mehr tolerierte Veranstaltungsorte, bunte Straßen und belebte Parks und Plätze geben. Sollten wir es schaffen in vielen Nachbarschaften in vielen Städten Zusammenhalt, Austausch und Nachbarschaftskultur zu etablieren, wäre sogar vorstellbar das unsere Demokratie den nötigen frischen Wind bekommt, um all die akuten und kommenden Krisen zum Besseren zu wandeln und Gerechtigkeit zu schaffen. Gemeinsam könnten wir durchsetzen, dass die Stadtentwicklung endlich mehr an den Bedürfnissen der Bewohner:innen orientiert wird statt am Profit. In den Händen der Kulturschaffenden liegen viele Möglichkeiten. Nutzt sie aus, so gut es geht!

Um genau das zu versuchen, sind wir mit Recht auf Stadt im Diffus Space aktiv. Kommt gerne vorbei!

Bis dahin nutzt die schöne Stimmung heute gut aus. Viel Spaß noch!

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